Nachwuchssportler des Monats Dezember - Marlene Endrolath

Marlene Endrolath träumt von den Paralympics

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Marlene Endrolath hat schon viele Goldmedaillen gewonnen. Nun will die Schwimmerin das auch bei den Paralympics in Tokio schaffen.

Als bei der Siegerehrung die Nationalhymne erklang, realisierte Marlene Endrolath nicht gleich, dass sie für sie gespielt wurde. Es war eine ungewohnte Situation für die 16-Jährige, die zuvor noch nie auf diese Weise geehrt worden war, doch sie fühlte sich gut an. So gut, dass die Schwimmerin davon gar nicht genug bekommen konnte. Noch vier Mal siegte sie bei den European Para Youth Games in Genua. Eine Leistung, für die Marlene jetzt auch zu Berlins Nachwuchssportlerin des Monats Dezember gewählt wurde.

Siege in allen vier Lagen sind sehr ungewöhnlich

In Italien siegte sie über 100 Meter in allen vier Schwimmstilen, also Brust, Rücken, Schmetterling und Kraul, außerdem über 200 Meter Lagen. Ein beeindruckendes Repertoire. Überhaupt ist Marlene Endrolath eine bemerkenswerte junge Frau. Als Vorbild nennt sie keinen Sportler, sondern die pakistanische Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai, die 2014 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. "Sie hat mit ihrem Einsatz ein starkes Zeichen gesetzt", sagt Marlene. Sie selbst will sich später ebenfalls sozial engagieren und würde gern mit Behinderten zusammenarbeiten.

Das war immer schon ihr Wunsch gewesen, noch bevor sie selbst erblindete. Vor vier Jahren waren bei ihr erstmals Symptome der Netzhauterkrankung Retinitis Pigmentosa aufgetreten. Inzwischen hat sie auf beiden Augen selbst mit Brille nur noch eine Sehkraft von zehn Prozent. Ihr Gesichtsfeld ist auf acht Grad verengt – sie sieht also nur, was direkt vor ihr passiert. Beim Schwimmen erkennt sie das Ende der Bahn erst sehr spät, was auch schon einmal dazu geführt hat, dass sie sich im Wettkampf verschätzte: Sie leitete die Wende zu früh ein und kam dann mit den Füßen nicht mehr an den Rand, um sich wieder abzustoßen.

Für ihren Traum zog sie um nach Berlin

Geschwommen ist Marlene auch schon vor ihrer Krankheit, jedoch trainierte sie damals nur zwei, drei Mal pro Woche. Mittlerweile sind es zehn Einheiten. Sie stammt ursprünglich aus Göppingen, wie man am schwäbischen Dialekt noch gut hört. Doch nachdem sie es dort in der Startkasse S13 der Sehbehinderten bis in den Bundeskader geschafft hatte, entschied sie sich im Sommer 2017 wegen der besseren Trainingsbedingungen für einen Umzug nach Berlin. Seit diesem Schuljahr besucht sie nun das Schul- und Leistungssportzentrum (SLZB) in Hohenschönhausen. In der Hauptstadt soll der Traum von einer Teilnahme an den Paralympics 2020 in Tokio Wirklichkeit werden.

"Das war ein großer Schritt", sagt sie. Am Anfang habe es sich angefühlt wie im Trainingslager, "weil hier alles auf den Sport ausgerichtet war". Sie hat sich dem Berliner Schwimmteam angeschlossen, einer der weltweit erfolgreichsten Mannschaften im Schwimmen mit Handicap, der unter anderem auch Paralympics-Siegerin Daniela Schulte und die frischgebackene Doppel-Weltmeisterin Janina Breuers angehören. Trainiert wird sie von Phillip Semechin. Mit seiner Unterstützung will sie bei der EM in Dublin im nächsten Jahr an ihre Erfolgsserie von den European Para Youth Games anknüpfen.

Text: Philip Häfner // Berliner Morgenpost